PLM ist mehr als Produktdatenmanagement

Nein, ich habe das Schießpulver nicht erfunden. Ich weiß auch, dass die Überschrift eine Binsenweisheit ist, die eigentlich jeder kennen sollte. Und doch kann man sie nicht oft genug wiederholen, weil viele PLM-Implementierungen nie oder erst mit jahrelanger Verzögerung die Hürde des Produktdatenmanagements (PDM) nehmen und damit ihrem Anspruch, ein PLM-Projekt zu sein, eigentlich nicht gerecht werden.

Jedes zweite Projekt scheitert, hat PLM-Guru John Stark einmal behauptet. Auch wenn ich die Zahl für übertrieben halte, steht außer Frage, dass viele PLM-Projekte in der Engineering-Nische steckenbleiben und dadurch nie den Nutzen entfalten, den PLM als prozesszentrische Enterprise-Lösung haben könnte. Ende 2013 veröffentlichte CIMdata eine Studie über das PLM Value Gap in der Luftfahrt- und Verteidigungsindustrie, die aufzeigte, dass nur ein Bruchteil der Unternehmen das Potenzial seiner PLM-Lösung ausschöpft; die meisten nutzen im wesentlichen die PDM-Funktionen. Laut CIMdata lassen sich die Ergebnisse der Studie, die leider nicht öffentlich zugänglich ist, auch auf andere Branchen übertragen.

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Abteilungen, die PLM nutzen, nach Performance-Klassen (Quelle: Tech-Clarity)

Was kann man tun, um PLM aus seinem Nischendasein zu befreien? Vor ein paar Monaten habe ich in einem Blogbeitrag den Vorschlag gemacht, das Pferd doch mal vom Schwanz her aufzuzäumen, das heißt erst mit PLM in die Breite und dann mit PDM in die Tiefe zu gehen. Vorbild war ein Unternehmen, das vor der Konsolidierung seiner heterogenen CAD-Landschaft und der Migration der Bestandsdaten ein unternehmensweites Projektmanagement ausgerollt hatte, um den Angebots- und Produktentstehungsprozesse effizienter zu gestalten. Der Charme dieser prozessorientierten Vorgehensweise war, dass PLM seinen Nutzen sofort im ganzen Unternehmen und unter den Augen des Managements entfalten konnte.

Natürlich bin ich mir der Tatsache bewusst, dass das nur eine vorübergehende Lösung sein kann, denn auf Dauer braucht jedes Unternehmen zur Absicherung seiner Projektergebnisse ein sauberes Produktdatenmanagement. Die Alternative kann nicht sein, Prozesse statt der Produktdaten zu managen, sondern die Prozesse in Ergänzung zu den CAD-Daten zu managen, wie Jim Brown von Tech-Clarity in der Studie Product Lifecycle Management Beyond Managing CAD konstatiert.

Die Studie untersucht, ob ein daten- oder ein prozesszentrischer PLM-Ansatz den größeren Nutzen verspricht. Dazu vergleicht sie die Art und Weise, wie wirtschaftlich erfolgreichere und weniger erfolgreiche Unternehmen mit PLM arbeiten. Interessant ist, dass die Top Performer auch die klassischen PDM-Funktionen wie CAD-, BOM- oder Teilemanagement intensiver nutzen als ihre Verfolger. Unterschiede ergeben sich aber vor allem hinsichtlich der Nutzung weitergehender PLM-Funktionen wie Product Analytics, Product Costing oder Quality Management, aber auch hinsichtlich der Intensität, mit der Abteilungen außerhalb des Engineerings PLM nutzen und hinsichtlich der Anbindung von Kunden und externen Partnern sowie der Integrationstiefe mit anderen IT-Systemen.

„The most differentiated usage is by General Management who are ten times more likely to use PLM in Top Performers, followed by sales engineering at seven times more likely, and Service at over four times more likely“, schreibt Jim Brown. Die Vermutung liegt nahe, dass die höhere Awareness des Managements für den strategischen Nutzen des PLM-Einsatzes ein wesentlicher Grund dafür ist, dass die Unternehmen einen prozesszentrischen Ansatz gewählt haben. Ganz sicher scheint sich allerdings auch Brown nicht zu sein, denn er meint an einer Stelle, dass die Top Performer vielleicht auch einfach nur einen (zeitlichen) Vorsprung bei der Adoption der PLM-Technologie hätten.

Also abwarten und Tee trinken? Ich glaube nicht, dass das die Lösung ist. Was wir brauchen ist eine neue und viel agilere Art der PLM-Implementierung, um Nutzenpotentiale schneller zu erschließen, und wir brauchen ein PLM-Projektmanagement, das die Anforderungen anderer Abteilungen und Unternehmensbereiche von Anfang an berücksichtigt. Es kann nicht angehen, dass wir von interdisziplinärer Entwicklung smart vernetzter Produkte und neuen serviceorientierten Geschäftsmodelle schwadronieren, aber PLM-Systementscheidungen dann aus Sicht der Mechanik-Entwicklung fällen. Ob Sie es glauben oder nicht, das kommt immer noch vor – und nicht gerade bei den kleinsten Unternehmen.

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